Frank van Lieshaut
Just do it!

Er hat BWL studiert, hat heute eine Beraterfirma und eine unbedingt bewegte Berufsbiografie. Just do it ist sein Lebensmotto, und das hat immer funktioniert. So wie damals bei seinem Vater. Der war auch ein Macher – und ist es noch. Eine „Allzweckwaffe“ als Handwerker, gelernter Maler und Lackierer. Der, erzählt Frank van Lieshaut, sich eines Tages ein paar tausend Mark von einem Kumpel gepumpt hat. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Gebrauchten Fiat gekauft, Dachgepäckträger montiert. Leiter obendrauf. Firma gegründet. Und: Ärmel hoch. So ging das los, damals bei Vater van Lieshaut. Und es hat funktioniert.
Just do it!
Sohn Frank wird („Das darf man hier ja gar nicht erzählen …“) vor fünfzig Jahren in Gelsenkirchen geboren. Zu seiner Ehrenrettung sei angemerkt, dass die Familie einige Jahre später nach Herten-Westerholt zieht. Die Mutter arbeitet („Sie war in Sachen Inkasso unterwegs.“) bei den Stadtwerken, der Vater krempelt die Ärmel hoch und macht aus einem „Trümmerhaufen“ ein Fachwerkkleinod. Sohn Frank macht mit, wenn er aus der Schule kommt. „Die Ecke da in Westerholt mit den alten Häusern ist ganz niedlich“, sagt van Lieshaut, und genau das finden immer wieder Touris aus Holland, die mit Reisebussen einfallen und sich auch mal die Nasen an den putzigen kleinen Fenstern platt drücken: „Die wollten mal gucken, was es bei den van Lieshauts zum Mittagessen gab …“

Kein kleines Schlössken!

Überhaupt, Holland. Die Frage drängt sich bei dem Namen auf: Haben sie – haben sie nicht? Nein, sie haben kein „kleines Schlössken mit Park“ irgendwo stehen, obwohl: „Irgendwann muss ein Holländer ja mal seine Finger im Spiel gehabt haben.“ Doch nicht einmal Franks Oma wusste damals mehr, und sonst jemanden kann man schon lange nicht mehr fragen.
Franks Lebensweg verläuft zunächst in schnurgeraden Bahnen. Erst Grund-, dann Gesamtschule, dann macht er sein Abi. Geht zur Bundeswehr – Wuppertal und Münster – und reist, wann immer es geht, in sein damaliges Traumland USA: „Die hab ich so ziemlich flächendeckend durch.“ Nach dem Bund schreibt er sich an der Uni Bochum ein. Wirtschaftswissenschaften. Nicht so sein Ding, weiß er nach zwei Semestern. Es ist ihm viel zu mathematisch, und dann die Massen an Studierenden: „Zum Teil hat die Feuerwehr die Vorlesungen abgebrochen, weil das aus Sicherheitsgründen nicht mehr tragbar war.“ Er wirft die Brocken hin. „Und dann“, sagt er lakonisch, „bin ich in ein ziemliches Vakuum geplumpst.“

Plan B hat geklappt

Er versucht gegenzusteuern. Denkt über eine Lehre als Hotelkaufmann nach und fliegt erst mal in die USA. Gelegentlich ruft er von dort zu Hause an. Und dann ruft seine Mutter ihm eines Tages eine frohe Botschaft zu. Post von der ZVS. Plan B hat geklappt. Frank van Lieshaut schreibt sich wieder in Bochum ein. Diesmal an der FH. Betriebswirtschaft. „Nicht mathefrei“, grinst er, „aber anständig portioniert.“ Er schließt das Studium sehr anständig ab und ist Mitte zwanzig, als sich die nächste Schicksalsfrage stellt: „Was mache ich jetzt nur mit diesem Zettel?“
Er liebt knackige Formulierungen. In „Vollverkleidung mein Leben fristen“, nee, findet er damals, „das wäre echt nicht so mein Ding gewesen.“ Vollverkleidung meint Anzug, Schlips … Und Anzug meint Begleitumstände, die er für sich nicht passend findet. „Dafür bin ich zu freiheitsliebend und auch zu sturköpfig.“

Jede Party gefeiert

Eine Musikzeitschrift machen, das könnte gehen. Auch mit freiheitsliebend und stur. Und, logisch, ohne Anzug. Passenderweise fällt ihm und zwei Kumpels 1993 genau so ein Teil quasi direkt vor die Füße. Raveline heißt das Magazin. Die Gründer hatten die Lust daran verloren; van Lieshaut und zwei Jungs übernehmen. In Hochzeiten werden bis zu 90 000 Exemplare gedruckt. Die nächsten Jahre sind bunt, bunter. Am buntesten. „Mehr ging nicht“, sagt Frank van Lieshaut und lehnt sich ziemlich entspannt im Ledersofa zurück. Er jettet jetzt zwischen London und Paris, Barcelona und Ibiza, Thailand, Kenia und Detroit hin und her und interviewt einschlägige Musikgrößen. Seine Wohnung in Herten sieht er nur ab und zu. Doch irgendwann kommt ein Missklang in das Ganze, eine Art Überdruss vielleicht, in jedem Fall eine ungeliebte Routine. „Es ist, wie es ist: Irgendwann hast du jede Party gefeiert.“
Und wieder schmeißt er die Brocken in.
Ohne Plan B. Und wieder geht die Rechnung auf.

Die Feuerwehr-Formel

Zwei Dinge setzen ihn neu auf die Schiene. Über Bekannte erprobt er sich als Seminarleiter. Thema: Rhetorik. „Die hatten mehr Anmeldungen, als sie bewältigen konnten und haben mich gefragt, ob ich nicht Bock hätte.“ Hatte er, ging ja auch ohne Anzug. „Da hab ich mich dann in das Thema reingefrühstückt und hab drei Tage vorher nicht gepennt. Aber dann ist alles super gelaufen.“ Und dann war da sein Coach. „Ich war insgesamt ein bisschen ratlos“, sagt Frank van Lieshaut, „was genau ich in Zukunft wollte und konnte. Und sie hat es dann auf die ´Feuerwehr-Formel´ gebracht.“
Die Formel meint Folgendes: Routine ist für Frank van Lieshaut der sichere Tod. Aber Feuerwehrmann. Feuerwehrmann geht gut: Rein ins Feuer. Löschen. Und wieder weg. Da ist der Faktor Langeweile gleich null. Will heißen: sich als Unternehmensberater selbstständig zu machen, das ist es!
Also schreibt van Lieshaut sich einen Business-Plan. Bingo! Seminare, Workshops, später zunehmend Existenzgründungs- und Unternehmensberatung. Frank van Lieshaut startet mächtig durch. Schon bald zählen nicht nur Gründer, sondern auch große, namhafte Unternehmen zu seiner Kundschaft. Man klopft bei „business consulting ruhr“ in Recklinghausen an, wenn es wo brennt. Der findige Frank van Lieshaut kann es richten. Training für Kundengespräche, Methoden der Teambildung, Krisenmanagement, Businesspläne schreiben, Finanzierungskonzepte entwickeln … „Da kann man dann ganz gut von leben.“

Gelernt ist gelernt

Aber einen kleinen Haken hat die Sache dann doch. Der Feuerwehrmann verspürt nach gut 15 Jahren als „Einzelkämpfer“ das Bedürfnis, wieder mehr als Teamplayer unterwegs zu sein, statt immer alleine zu löschen. Seit Februar 2015 ist er zusätzlich bei der InWest im Unionviertel am Start. Da hat er Team. An drei Tagen in der Woche sitzt er in der Heinrichstraße und findet: „Die Leute sollen ruhig mal kommen, wenn sie die eine oder andere Frage haben.“ Er macht nämlich genau das, was er seit Jahren erfolgreich tut, und was damals die Frau beim Coaching tat. Er berät potentielle GründerInnen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft und hat jede Menge Tipps, die eben nur Fachleute an Ratsuchende weitergeben können.
Sohn Luis schätzt hingegen eher seine Lasagne als seinen Rat. „Die ist auch echt der Kracher“, sagt ohne falsche Bescheidenheit der Papa und freut sich, wenn der 13Jährige, der in direkter Nachbarschaft bei seiner Mutter lebt, ihn mit dem größtmöglichen aller Komplimente adelt: „Die hab ich auch in Italien noch nicht besser gegessen.“
Gelernt ist eben gelernt: Eine Kochrunde mit Kumpels gehört seit Jahren zum Freizeitrepertoire; reihum kocht man zu bestimmten Themen. Seit sechs Jahren gehört auch Janine zu seinem Leben. Sie hat, wie er, einmal Betriebswirtschaft studiert und sich vor einiger Zeit nach erfolgreicher Heilpraktikerin-Ausbildung ebenfalls selbständig gemacht. Wer da die Tipps zur Existenzgründung gab? Dreimal darf geraten werden. Man lebt zusammen und reist zusammen, und als van Lieshaut neulich fünfzig wurde, feierte man zu zweit ganz lauschig auf Rhodos.
Just do it.
Alles wird gut.

Text: Ursula Maria Wartmann
Foto: Roland Baege

Juli 2016