Juliane Hagen
Der Weg ist das Ziel

Borkum hoch oben im Norden. Kindheitsinsel. Sehnsuchtsinsel. Früher ging es in jeden Ferien mit der ganzen Familie dorthin. Wohnwagen hinters Auto und dann ab. Salzwiesen und Deiche und Wattenmeer. Die uralten Gräber der Walfänger. Der kleine Hafen und all der Sanddorn. Der stachelige Strandhafer. Die riesigen Dünen, die hier „Unland“ heißen: Niemand kann sie bebauen, bepflanzen … Un-Land eben. „Schon als Kind“ sagt Juliane Hagen, „war ich total fasziniert, wie so ein Gemeinwesen funktioniert. So eine Insel. Ich habe ständig über der Karte von Borkum gesessen, die Insel mit dem Fahrrad erkundet und immer neu gestaunt, wie das alles zusammenhängt und miteinander in Einklang ist.“
Die Dreißigjährige sitzt sehr aufrecht auf dem Sofa (sie macht regelmäßig Yoga, erzählt sie später) und erinnert sich. Wie sie im Wohnwagen der Eltern über der Borkum-Karte sitzt, gebannt von diesem Mikrokosmos. Wo es alles gibt, was Menschen für ein Zusammenleben brauchen. So wie zu Hause im westfälischen Ahlen, nur, natürlich, noch viel kleiner. Es liegt nahe, dass damals schon der Grundstein für die berufliche Karriere von Juliane Hagen gelegt wird: Nach dem Abitur studiert sie Raumplanung („Ich war die erste in unserer Familie, die studiert hat.“), seit drei Jahren arbeitet sie für die „Planungsgruppe Stadtbüro“. Die hat ihren Sitz im Union-Gewerbehof; Helga Beckmann und Alexander Kutsch, allseits beliebte „QM-Manager“ im Unionviertel, sitzen übrigens im gleichen Büro. „Ganz ehrlich“, sagt Juliane und nippt sehr entspannt am Ingwer-Orangen-Tee, „so ein klasse Team, das habe ich noch nie irgendwo erlebt. Das Verständnis von Zusammenarbeit, das ist schon sehr einzigartig.“ Zunächst ist sie beruflich in Bochums Hustadt unterwegs, später im Unionviertel. Heute ist sie stellvertretende Projektleiterin im Quartiersbüro in Westerfilde.

Immer wieder tolle Menschen

Von 2005 bis 2012 studiert Juliane Hagen in Dortmund; Sevilla dazwischen, wo sie sich ein Semester lang einschreibt. „Das war“, sagt sie, „eine echte Herausforderung. Das erste mal ganz alleine, fremde Stadt, fremde Sprache. Aber es hat mir gezeigt, dass es geht. Und es gibt immer wieder tolle Menschen, die einem weiterhelfen.“
Sevilla verbucht sie eher unter Lebenserfahrung; Fachwissen wird während zwei weiterer Auslandsaufenthalte vermittelt, in Kooperation mit den dort ansässigen Universitäten. Die Slums von Dhaka in Bangladesch und Havanna auf Kuba werden in einer Gruppe von Studierenden unter städtebaulichen und sozialen Aspekten untersucht. Jeweils sechs Wochen dauert der Aufenthalt und bringt Erkenntnisse, die nachhaltig wirken. Deutschland – und Borkum erst – sind da eine sehr andere, sichere und überaus komfortable Welt.

Das eigene Bett dabei

Nach zehn WG-Jahren in der Nordstadt wohnt Juliane Hagen nun in der Heinrichstraße. Sie mag den Trubel, aber sie braucht auch den Ausgleich. Sie liebt die Natur, die Ruhe, die sie dort findet. Jahrelang ist sie mit Oscar unterwegs, so heißt ihr erster VW-Bus, der irgendwann so schwächelt, dass sie sich schweren Herzens von ihm trennt. Der neue Nachfolger hat noch keinen Namen. Er ist dunkelblau und muss, sagt die stolze Besitzerin, „seinen Charakter erst noch entwickeln, bevor ich einen Namen finde.“
Der neue Bulli steht für vieles. Für Freiheit, für unterwegs und gleichzeitig zu Hause sein. Ein Bett dabei haben, eine kleine Küche, Musikanlage und Leselampe. „Ich kann immer frei entscheiden, wohin die Reise geht.“ Der Bus steht auch für keine Zwänge haben. Spontan sein können, frei nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel.
Die Woche über ist sie – Ehrensache, weil sie an die Umwelt denkt – meist mit dem Rad oder der Bahn unterwegs. Aber am Wochenende ist sie mit ihrem Bulli-Noch-Ohne-Namen am Start. Mit Benni, ihrem Liebsten, der auch im Viertel wohnt. Oder mit Freundinnen und Freunden. Manchmal fährt sie auch alleine los. An den Kanal oder an die Ruhr. Oder um Leute zu besuchen. „Wenn ich über Nacht bleibe, schlafe ich einfach im Bulli.“

Ans Herz gewachsen

Neben der Arbeit an verschiedenen Projekten im Unionviertel (Stichworte: Energieeffizienzquartier, Bird’s Bar, Insektenhotel, Methodenbox Stadtoase) ist ihr die Arbeit als stellvertretende Projektleiterin in Westerfilde ans Herz gewachsen. „Da hat sich“, sagt sie bedauernd, „sehr lange niemand wirklich gekümmert.“ Sie hat mit ihren Kollegen feste Sprechzeiten im Quartiersbüro, arbeitet mit Gruppen, Geschäftsleuten, hat auch mal Abend- und Wochenendtermine. Und dann ist da auch noch Stefanie Gerszewski, Stadtplanerin vom Amt für Wohnen und Stadterneuerung und ebenfalls zuständig für Westerfilde. „Das ist eine richtig tolle Zusammenarbeit“, sagt die junge Diplom-Ingenieurin, „wir kommen bestens miteinander aus.“ Das gemeinsam geplante Straßenfest im Sommer sei ein Riesenerfolg gewesen. Tolles Wetter, entspannte Leute, gute Laune, wohin man auch blickte – und alles ganz unprätentiös. „In Westerfilde, da geht auch noch die Glückspirale oder eine Kinderrallye. Das kannst du hier im Viertel gar nicht mehr machen, hier sind schon alle viel zu verwöhnt.“
Juliane Hagen stammt, erzählt sie, aus einem bodenständigen Haushalt. Handwerkerfamilie: der Vater Elektrotechniker, die Mutter („Die gute Seele der Familie“) MTA. Die eine Großmutter Gärtnerin, die andere Näherin; ein Großvater Tischler, der andere Bergmann. „Da habe ich unheimlich viel Wissen mitgenommen.“ Was meint, dass sie ebenfalls den grünen Daumen hat und so manche Klamotte selber näht. Neulich erst hat sie sich ein neues Bett in der alten Werkstatt des Großvaters gebaut. Und, klar: Die Enkelin des Tischlers hat astreine Arbeit abgeliefert …

Das alte Spiel

An langen Wochenenden trifft sie auf halber Strecke manchmal ihren Bruder. Der ist ebenfalls Tischler und lebt in der Schweiz. Man trifft sich irgendwo an einem See im Süden. Zum Wakeboarden, das ist eine Art Wasserski. Im Winter ist Snowboarden angesagt, auch im Süden, in den Bergen diesmal. Deutlich schneller gehen Treffen mit ihrer Schwester. Die studiert Sonderpädagogik und wohnt seit einer Weile ebenfalls in der Heinrichstraße. Aber allzu oft sieht man sich auch hier nicht; mit der Zeit, das ist so eine Sache. Immer gibt es zu wenig davon. Auch für die Arbeit bei den „Urbanisten“. Da war Juliane Hagen ein paar Jahre im Vorstand, fasziniert von der Idee, eigene Ideen in Projekte umzusetzen. Zu planen und vernetzen, BürgerInnenbeteiligungen anzuschieben, sich nicht nur „von oben“ verplanen lassen, sondern die Welt selbst mitzugestalten. „Aber“, sagt sie und zuckt mit den Schultern, „dann war das Studienleben vorbei, und der Job war da. Und irgendwann muss man ja auf eigenen Beinen stehen. Obwohl: Aus dem Vorstand auszusteigen und bei den Urbanisten kürzer zu treten, das fiel mir richtig schwer.“
Mehr Arbeit, weniger Zeit – das alte Spiel. Aber auch im Job kann das eine und andere bewegt werden. Und: Juliane Hagen ist Schützin. Ehrgeiz und Zielstrebigkeit wird dem Sternzeichen nachgesagt, aber immer auch eine gute Portion Freigeist.
Mit einem Wort: Da geht noch was!

Text: Ursula Maria Wartmann
Foto: privat

Oktober 2016