Union-Gewerbehof: Ausblick
Neue Rechtsform - alte Werte

Herbst 2015. Im Union-Gewerbehof in der Huckarder Straße stehen die Zeichen auf Veränderung. Aus der bisherigen GmbH soll eine eingetragene Genossenschaft mit veränderten Regeln werden. Nach 30 langen Jahren ist das nichts, was irritiert. Dreißig Jahre, das ist eine Generation, da ist ein Wechsel fast überfällig. Die derzeitigen Gesellschafter des Gewerbehofs planen deshalb eine Änderung der Rechtsform, um sich für die 85 „Neuen“ zu öffnen.

Geschäftsführer Hans-Gerd Nottenbohm, Pionier der ersten Stunde, erläutert Einzelheiten. „Damals“, sagt er, „war das hier ein Ein-Generationen-Projekt. Die meisten waren um die dreißig, na ja …“, kleines Lächeln, „und nun sind wir halt um die sechzig Jahre alt.“

Vor ungefähr fünf Jahren habe man feststellen können, dass wieder verstärkt junge Leute Interesse hatten, sich im Gewerbehof einzumieten. „Es hätte ja auch sein können“, sinniert Nottenbohm, „dass wir Ältern unter uns bleiben und das Ding so ganz langsam ausläuft …“ Aber nein! „Das Ding“ war plötzlich wieder angesagt.

Über 200 Menschen haben ihr Büro, ihr Atelier, ihre Firma, ihre Galerie auf dem weitläufigen ehemaligen Gelände des Hoesch-Konzerns. Es sind zu viele, als dass der langjährige Geschäftsführer sie alle kennen könnte, er weiß auch nicht im Detail, was all die Menschen so tun, aber er weiß, dass viele aus dem Bereich Grafikdesign sind: „Das ist eine Berufsgruppe, die stark vertreten und untereinander gut vernetzt ist. Aber wir haben auch Künstlerinnen und Künstler hier.“

Ausgezeichneter Ruf

Die größte Gruppe stellen, so der Geschäftsführer, die Stadtplanerinnen und Stadtplaner, „die machen sehr stark das Rückgrat des Gewerbehofs aus, wie er sich heute darstellt.“ Etliche von ihnen seien gut im Geschäft, planten, forschten, gestalteten im Dienst von Kommunen und Städten wie Dresden, Berlin, Karlsruhe oder Wilhelmshaven. „Viele betreuen auch Quartiersbüroprojekte wie im Unionviertel“, so Nottenbohm. „Wir haben hier etwas sehr Beispielhaftes. Die Leute aus dem Dortmunder Gewerbehof haben einen ausgezeichneten Ruf.“

Beispielhaft war im Union-Gewerbehof von Anfang an auch „der Gründergeist aus der Selbsthilfe heraus.“ Damals, man schrieb das Jahr 1986, war es eine Handvoll arbeitsloser Akademiker und Handwerker, die das Gelände mit den wuchtigen Ziegelbauten besetzten, um politisch ein Zeichen zu setzen und aus der Not eine Tugend zu machen. Hier und heute sind es die neuen Dreißigjährigen, die bei ungleich besseren Startbedingungen dennoch mit eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. „Da finde ich manches von früher wieder. Man tut sich zusammen, macht erstmal einfach irgendwas und hofft, dass das irgendwann einmal Früchte trägt.“

Nichts von der Stange

Man setzt eher auf Risiko statt auf Businesspläne von der Stange; was ausdrücklich so gewollt oder dort doch eher den Umständen geschuldet ist; das läßt sich nicht immer klar ausmachen. Der Gewerbehof jedenfalls ist eine Art Wagenburg, der Initiativen und Experimente ermöglicht und gleichzeitig Schutz bietet – ganz im Sinn des oben zitiertes Gründergeistes: „Dennoch ist im Lauf der Jahre“, stellt Nottenbohm mit Bedauern fest, „die soziale Komponente leider ein bisschen verloren gegangen. Man sollte hier öfter auch mal auf die gucken, denen es nicht so gut geht!“

Künftig sollen die Möglichkeiten zum Beitritt in die Genossenschaft oder auch zum Austritt vereinfacht werden. Ein Genossenschaftsanteil kostet 10 Euro, mindestens zehn Anteile sind ein Muss, generell ist ein Anteil pro genutztem Quadratmeter fällig. Auch wer hier keine Räume hat, kann in aller Freundschaft Mitglied werden. Bedingung auch hier: der Kauf von mindestens zehn Anteilen. Eherne Regel in beiden Fällen: Die Menge der Anteile verschafft keinen Vorteil. Jedes Mitglied hat bei Abstimmungen auf der Generalversammlung genau eine Stimme.

Ein Aufsichtsrat ist auf dieser Versammlung zu wählen. Aus mindestens drei Leuten wird er bestehen; eine seiner Aufgaben ist das Bestellen eines zweiköpfigen Vorstands, der die laufenden Geschäfte führen und künftig „wenn möglich auch bezahlt werden soll.“

Kein Selbstläufer

An bestehenden Miet-, Arbeits- oder Finanzierungsverträgen, darauf legt er Wert, ändert die neue Struktur des Gewerbehofs nichts. Vielleicht, hofft er, ändert sie aber etwas an der Darstellung des Gewerbehofs nach außen. „Unsere Öffentlichkeitsarbeit war fast immer grottenschlecht. Das könnte jetzt vielleicht auch mal anders werden.“

Wäre sie gut gewesen, hätte man möglicherweise schon damals erfahren, was der Geschäftsführer zu berichten weiß: „Zwischen 1997 und 2003, das war für uns eine regelrecht Existenz bedrohende Phase. Niemand soll glauben, dass das hier ein Selbstläufer ist. Aber Gott sei Dank, wir haben uns wieder regeneriert.“

Nun soll, so die Idee, mit einer neuen Struktur die Grundlage für die weitere produktive Arbeit geschaffen werden. „Was sich daraus entwickelt, wird dann die Zukunft zeigen.“ Der Pionier der ersten Stunde jedenfalls hat sein Feld bestellt und kann in Frieden loslassen. Wann genau das sein wird, nun ja. Zwei, drei Jahre können da noch ins Land gehen … Aber der Rückzug ist absehbar.

Er sei jetzt auch langsam überfällig, sagt der langjährige Geschäftsführer philosophisch. „Ich merke das daran, dass die Gespräche nicht mehr so flüssig sind. Die jüngeren Leute …, die siezen mich alle, und ich die dann natürlich auch. Man spürt, da ist so eine Kommunikationsschwelle. Ich vermute mal, das ist Respekt oder vielleicht auch so was wie Unsicherheit. Aber so ist das eben, das ist der Lauf der Dinge. Uns ging es früher mit den Älteren ja auch nicht anders …“

Union Gewerbehof
Huckardter Straße 10-12
44147 Dortmund

www.union-gewerbehof.de

Text: Ursula Maria Wartmann
Foto: Sabrina Richmann

Herbst 2015